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Meinung

Bei Euch piept's wohl

Immer neue Ausstattungs-Details vom Gurtpiepser bis zum Cabrio-Fön liefern Antworten auf Fragen, die keiner stellt. 
Weniger ist mehr, meint Bernd Wieland.

(Selbst wenn ich mir hier untreu werden sollte - darüber kann man ruhig einmal nachdenken.
- wolfdj)

Zitat:
"... auch manche Segnungen des automobilen Fortschritts gemahnen an Wunder.
Der moderne Diesel zum Beispiel. Navigationssysteme oder die Vollwert-Kleinwagen, die dank moderner Technik so komfortabel und sicher sind wie früher schwere Limousinen. Wunderbar. Doch manchmal muss man sich auch wundern - vor allem angesichts der Segnungen der modernen Elektronik.
Denn bei vielen aktuellen Autos ist es nicht anders wie bei Spülmaschinen, Mobiltelefonen oder MP3-Playern: Die Bedienung wird komplizierter statt einfacher, weil sich die Hersteller von ihren Konkurrenten abheben wollen und immer neue Raffinessen einbauen. Es sind Antworten auf Fragen, die keiner stellt - jedenfalls kaum ein Kunde.
Die Software-Ingenieure taumeln im Machbarkeits-Rausch: Wo früher ein einfacher Schieberegler ausreichte, um blind die Luftverteilung zu steuern, muss man heute beim BMW Siebener im Menü blättern. Eigentlich sollte Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe den Tatbestand „Klimaregulierung während der Fahrt" in den Bußgeldkatalog aufnehmen. Denn gefährlicher als Telefonieren per Handy ist dies allemal - wegsehen ist kritischer als weghören. 
Oder der modische „Touch Screen": Man muss nicht nur den Blick von der Straße nehmen, sondern auch noch bestimmte Felder auf dem Display treffen.

 

Rückschritt statt Fortschritt - das gilt für viele Änderungen in jahrzehntelang gelernten Bedienungsroutinen. Blinkerhebel rasten nicht mehr ein, sondern federn in die Ausgangsstellung zurück. Folge: Der Fahrer ist irritiert und blinkt sinnlos hin und her. Ebenso Verwirrung stiften Scheinwerfer, die beim Verlassen des Autos nicht mehr ausgehen - es sei denn man wartet geduldig darauf. „Follow-me-home" heißt das im Marketing-Deutsch.
Ärgerlich auch die Chipkarte statt Schlüssel: Sie bringt keinen Vorteil, nur die ständige Unsicherheit, ob das Auto wirklich zu ist. Kürzlich musste ein englischer Auto-Journalist im Flugzeug die Batterien aus der Karte ausbauen, weil sie angeblich ein Störsignal sendete.
Reif für die Anstalt macht das Gepiepse, Gegonge und Gebimmele vieler Autos. Löst man kurz den Gurt. um in die Tiefgarage zu fahren, steigert es sich ins Nervtötende. Wenn dann noch beim Einparken der Alarm der Parkhilfe dazukommt und es von vorn, von hinten und von der Seite piepst, fängt der Tag schon gut an.
Auch die Regensensoren spielen manchmal verrückt: Oft rubbeln die Wischer wegen ein paar Tropfen lärmend über die Scheibe und verschleißen schneller.  
Wer hatte je ein Problem, den Scheibenwischer selbst zu bedienen?

 

 

 

Neuer Höhepunkt der Antworten auf ungefragte Fragen ist der Warmluftfön („Air Scarf") hinter den Sitzen des neuen Mercedes SLK, um sich beim Fahren den Schal sparen zu können. Wir degenerieren.
Noch schlimmer sind Automatikgetriebe. die sich in ihrer Charakteristik auf den Fahrer einstellen, wenn diese Technik nicht ausgereift ist. Ein Mal überholen genügt, und die Automatik wittert den Sportfahrer. Die Drehzahlen gehen himmelwärts, auch wenn man längst wieder in der Schlange hinter dem Lkw trödelt.
Das Auto ändert seinen Charakter wie ein Chamäleon und ist nicht mehr berechenbar. Auch dank der Fahrwerke, die sich von selbst oder durch Fahrereingriff verstellen. Früher gehörte es zur Aufgabe einer Versuchsabteilung, die optimale Allround-Einstellung zu finden.
All diese elektronischen Details tragen dazu bei. dass laut Pannenstatistik heute nagelneue Autos ungefähr genauso oft liegen bleiben wie alte. 

Kein Wunder"

 

 

 

 

2/2004
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